Wohn- u. Geschäftshaus
Das Haus ist bedeutend für die Geschichte der Menschen in Mülheim, da es den Ausbauprozeß dieser bis 1914 selbständigen Stadt dokumentiert. Aufgrund der günstigen Verkehrslage (Rheinhafen, Straßen- und seit ca. 1850 Eisenbahnknotenpunkt) und der historisch-politischen Gegebenheiten (Tradition der religiösen Freiheit) entwickelte sich Mülheim im 19. Jh. aus einer Gewerbestadt zum industriellen Vorort (Waggonfabrik Zypen & Charlier 1844, Bleiweißfabrik Lindgens & Söhne 1851, Walzwerk Böcking & Cie. 1872, Drahtseilerei Felten & Guilleaume 1874). Als Folge dieser Industrialisierung erlebte Mülheim einen wirtschaftlichen Aufschwung mit Bevölkerungszuwachs, der zur raschen Bebauung des bis dahin freien bzw. durch den Abbruch der Stadtbefestigung frei gewordenen Geländes in der Nähe der neuen Industrieanlagen führte.
Das dreigeschossige Haus mit ausgebautem Giebelgeschoß und einem Ladenlokal wurde zwischen 1895 und 1900 errichtet. Es zeigt eine zweiachsige, im barockisierenden Jugendstil gehaltene Fassade mit reichem Dekor. Die zwei oberen Geschosse sind mittels gebänderten Pilastern, die in der ersten Achse bis in einen niedrigen Frontgiebel hinaufreichen, zusammengefaßt, wodurch die Vertikalität der Fassade und die erste Achse hervorgehoben ist. Im 1. OG liegt je Achse ein breites Korbbogenfenster mit Ziergewände, Schlußstein, Girlandenbekrönung und sparsamem Brüstungsdekor. Im 2. OG liegen zwei breite rechteckige Fenster mit Bekrönungen, die aus geschweiften, profilierten Giebeln, Kartuschen und Voluten und Brüstungsdekor in Form von Gesimsbalken mit Girlandenmotiven bestehen. Im Giebelfeld der ersten Achse liegt ein kleineres Korbbogenfenster, das mit Gewände eingerahmt und reichlich mit Rankenwerk dekoriert ist. Das Giebelgesims ist - ähnlich wie das Kranzgesims - stark profiliert und mit einem Zahnschnittfries versehen. Die Giebelspitze ist durch eine Vase bekrönt. Eine Dachgaube mit geschweiftem Dach und Dekorrahmen verlängert optisch die Fassade in der zweiten Achse in das Mansarddach hinauf. Das EG ist deutlich von der OG-Zone durch ein breites und profiliertes Gurtgesims getrennt, das von je einem gebänderten Pilaster an Hauskanten (mit Dekorkapitellen und -kämpfern) und einer gußeisernen Zierstütze am Hauseingang "getragen" wird. Ein originales Schaufenster mit Ladenlokal links und der Hauseingang rechts vermitteln den Eindruck eines symmetrischen EG. Das o. g. Haus stellt eine Variante und Weiterentwicklung des für Köln ehemals charakteristischen Drei-Fenster-Hauses auf L-förmigem Grundriß dar. Die - ursprünglichen - drei Achsen (im EG noch sichtbar) sind in der OG-Zone zu zwei Achsen zusammengeschmolzen, wodurch die Fassade einen - den Anforderungen des Jugendstils entsprechenden - asymmetrischen Aufbau erhielt. Der Hofanbau (zweite Achse) ist in einen langen Wohntakt ausgewachsen, der einen langen, schmalen Hof eingrenzt. Somit verwandelte sich das ehemals kleinbürgerliche Drei-Fenster-Haus in ein großstädtisches Gebäude, in dem sich auf relativ schmalen Grundstück ein Maximum an Wohnfläche konzentriert. Städtebaulich dokumentiert das o. g. Haus die Gründerzeitbebauung der Wallstraße, die in der Regel aus dreigeschossigen Häusern mit individueller Gestaltung bestand und von der heute nur noch einige weniger Objekt - darunter das o. g. Haus - im ursprünglichen Zustand erhalten geblieben sind (das Nachbarhaus Nr. 110, Nr. 137, 149 und 153). Das Haus Wallstraße 108 zeigt die künstlerisch wertvollste Fassade aller der erhaltenen Häuser in dieser Gegend.
Detail-Daten · Denkmalliste der Stadt Köln
- Baudenkmalnr.
DE_05315000_A_2281- Typ
- Gebäude-Denkmal
- Bezeichnung
- Wohn- u. Geschäftshaus
- Adresse
- Wallstraße 108 , 51063 Köln
- Stadtteil
- Mülheim
- Baujahr
- um 1895 bis 1900
- Eigentum
- privates Eigentum
- Denkmal seit
- 17.04.1984
- Koordinaten
50.96622° N, 7.00224° E